Naiv: #Neuland?

“Über mich können die ruhig alles wissen, ich habe nichts zu verbergen.” – “Ich schreibe jetzt immer Wörter wie Bombe in meine Mails, damit die wenigstens richtig was zu tun haben.” – “War doch klar, dass die uns abhören. Die Stasi hätte übrigens von solchen Methoden geträumt.”

Das und noch viel mehr sagen die Leute. Die Leute, die auch nach Bekanntwerden von #PRISM und #Tempora in ihrem Alltag gar keine Veränderung spüren – ob nun ihre Daten abgefangen, gefiltert, analysiert, gerastert und sonst was werden. Die Leute reden dabei immer von “die” oder “die da”. Wer sind “die” denn eigentlich? Das sind wohl Geheimdienste, denen es um Macht geht. NSA, BND, MFG, mit freundlichen Grüßen! Vielleicht geht’s auch um Sicherheit für die Bürger. Bestimmt um Kontrolle. Aber ist mir doch egal, ich hab’ ja nix zu verbergen. Wen interessiert schon Anja P. aus Berlin? Aber darf es mir auch als Staatsbürgerin egal sein?

“Die” sind aber nicht nur Geheimdienste, sondern auch Konzerne, privat geführte Unternehmen. Denn “die” sammeln ja auch irrsinnige Datenmengen über uns. Viele Daten geben wir Facebook, Google, Twitter & Co. sogar freiwillig. Macht nix, finde ich, wenn im Facebook mit Fotos und Kommentaren dokumentiert ist, dass ich an einem Abend mit Kollegen im Café am Neuen See rudere und an einem anderen auf einer Rheininsel mit Freunden Geburtstag feiere. Momentchen, ich schreib’ noch fix dazu, wo ich wohne, wo ich arbeite und was ich wann studiert habe.

Aber was ist eigentlich da, wo nicht schlicht nur das Vergangene festgehalten ist? Wenn aufgrund dieser gewesenen Daten Ableitungen über uns und unser Verhalten für die Zukunft und unser künftiges Verhalten gemacht werden? Und das im großen Stil: auf den Einzelnen heruntergebrochen, auf die Masse wieder übertragbar. Wenn wir einzeln und in der Masse vorhersehbar werden? Wenn wir “den anderen” immer mehr Informationen über uns überlassen?

Diese anderen sind ja noch nicht mal zwingend andere echte Menschen. Das sind doch Maschinen, Apparate, Rechner, die mit Algorithmen arbeiten. Mich hat Mathe nie besonders interessiert, deshalb habe ich nicht gut aufgepasst und weiß gar nicht so genau, was ein Algorithmus ist. Wikipedia sagt mir zwar auf Nachfrage, es sei “eine aus endlich vielen Schritten bestehende, eindeutige und ausführbare Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems”. Aber ich habe doch oft den Eindruck, es handelt sich bei Algorithmen um Zauberformeln.

Denn nur wenige kennen die, die wichtig sind, zum Beispiel den Edge Rank bei Facebook oder vergleichbare Formeln bei Google. Und dennoch bestimmen sie in großem Maße, was ich sehe und was nicht. Was wir alle sehen und was nicht. Natürlich macht es eine überkomplexe Welt begreifbarer, wenn schon mal jemand vorsortiert. Auch wenn “jemand” ein Algorithmus ist. Aber das nimmt mir viel Entscheidungsfreiheit. Und zwingt mir eben die Sichtweise anderer auf: Da kriege ich nur noch gepixelte Brüste zu sehen, weil die “Moral”-Vorstellungen anderer nackte Menschen für verwerflich halten. Aha.

Offengestanden bin ich ratlos. Was, wenn die unterschiedlichen Dienste sich zusammentun? Was lässt sich mit den enormen Datenmengen alles anstellen? Was heißt das eigentlich für unser Menschenbild, wenn Maschinen mit mathematischen Formeln für uns unser Verhalten ausrechnen? Wo führt das hin? Ganz naiv gefragt: Ist das vielleicht doch alles noch ganz schön #Neuland für uns?

Empfehlenswert, weil gedankenanstoßend:
Ranga Yogeshwar in der FAZ im Gespräch mit Dietmar Dath: “Rechnen Sie damit, lebenslang ein Verdächtiger zu sein”
Frank Schirrmacher in der FAZ: “Big Data und NSA. Am Lügendetektor”

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