Revolutionary Road

Nicht zur Revolution, vielmehr in die Vorstadt(idylle?), ja, ins Kleinbürgerliche und Biedere führt die “Revolutionary Road”, deutsch: Zeiten des Aufruhrs. Den Film habe ich gestern zunächst nebenher bei Sushi und Bier und Tratsch mit einer Freundin gesehen, bis es mich immer mehr hineingezogen hat in die Ehe der Wheelers. Kate Winslet und Leonardo DiCaprio sind April und Frank – sie fühlen sich anders, ungewöhnlich, wollen mehr vom Leben und ziehen trotzdem Mitte der Fünfziger in ein typisches Vorstadthaus.

...wie sie beim Fick mit dem Nachbarn den Kopf in den Nacken legt.

…wie sie beim Fick mit dem Nachbarn den Kopf in den Nacken legt. (Foto: polypepper)

Sie spielen mit: April, eigentlich mittelmäßige Schauspielerin, ist nun Hausfrau und Mutter zweier Kinder, Frank hat einen langweiligen Job (irgendwas mit Computer) in Manhattan und vögelt aus purem Überdruss eine der Sekretärinnen. In der Gegend um die Revolutionary Road gelten sie als Vorzeigepaar, “hach, die Wheelers sind ein echtes Traumpaar!”. Neue Inspiration erhält ihre Beziehung erst, als beide sich auf Aprils Idee einlassen, nach Paris auszuwandern. April will dort für den Unterhalt sorgen – und Frank soll endlich Zeit haben herauszufinden, was er wirklich mit sich anfangen will. Neue Funken sprühen, alte Leidenschaft flackert auf. Aber der Traum bröckelt, als sich für Frank in der Firma unerwartet Aufstiegschancen auftun. Der Traum stirbt völlig, als April entdeckt, dass sie wieder schwanger ist. Und mit ihm stirbt ihre Liebe zu Frank.

Der Rest ist schnell erzählt: Bitterer Streit, jeden Tag. Die Kinder sind für ein paar Tage bei einem befreundeten Ehepaar in der Nachbarschft (dessen scheinbar heile Welt ebenfalls unübersehbar Risse in der “happy, happy”-Fassade bedrohen). Ein Streit eskaliert ganz schlimm. Und am nächsten Tag treibt April selbst ab, gegen den Willen ihres Mannes. Noch am selben Abend stirbt sie an den Folgen der Abtreibung.

Die stärkste Szene war für mich das Frühstück am Morgen nach dem schlimmen Streit. Hass und Verzweiflung, nach langen und zermürbenden Scharmützeln hatten sich die beiden einfach alles ungefiltert entgegengeschleudert, am Ende sind beide alleine – so alleine, dass es beim Zuschauen schmerzt. Doch an diesem Morgen danach ist alles wie weggewischt. April ist aufgeräumt, hat eine adrette Schürze umgebunden, fragt Frank, wie er seine Frühstückeier haben wolle. Er kann es kaum glauben, will es so sehr glauben, will seine Frau und ihre Liebe zurück. Sie will, dass er es glaubt.

Als Zuschauerin weiß ich noch nicht, was in ihr vorgeht. Am Vorabend lehnte sie am Baum, rauchte eine ihrer vielen Zigaretten – sie hat ganz offensichtlich eine Entscheidung getroffen. Doch welche? Sich zusammenreißen, es noch mal mit Frank versuchen? Dafür ist sie einen Zacken zu aufgeräumt beim Frühstück. Ihn verlassen, ihren Traum von Paris alleine verwirklichen? Dafür brodelt es wiederum zu sehr unter ihrer gefassten Oberfläche. Das Frühstück dauert unendlich lange. Da sitzen zwei, die sich nichts zu sagen haben. Zwei Fremde. Er malt ihr auf, wie dieser neue Computer in der Firma aussieht. Sie fragt höflich nach. Und immer wieder wird deutlich: Er will es glauben, alles wird wieder gut. Sie will, dass er es glaubt. Erst als er endlich aus dem Haus geht, den Wagen zurücksetzt und ins Büro fährt dämmert es mir: Sie wird doch noch abtreiben. Die “hoffnungslose Leere”, der sie gemeinsam nach Paris entfliehen wollten, diese Leere hat sie schon längst ganz und gar verschluckt.

Fazit: Ich mag diese genau beobachteten, genau gezeichneten Frauenportraits. Kate Winslet spielt April mit einer Art Transparenz – immer wieder scheint durch, dass unter der Oberfläche nichts ist, wie es scheint. Sie tut das mit winzigsten Gesten, wie sie Luft holt, wie sie mit den Wimpern flackert, wie sie beim Fick mit dem Nachbarn den Kopf in den Nacken legt. Zuletzt hat mich Tilda Swinton in “I am love” so beeindruckt.

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